Ein Experiment der SRF-Sendung «Kassensturz» und der Tessiner Sendung «Patti Chiari» zeigt: Der Jugendschutz von TikTok hält nicht, was er verspricht. Trotz aktivierter Inhaltssperre für Minderjährige wurden einem Testprofil einer 13-jährigen Person innert Minuten problematische Inhalte angezeigt.
Das Experiment
Für den Test eröffnete die Redaktion ein neues TikTok-Profil mit dem Alter 13 Jahre und eingeschaltetem Jugendschutz. Für Minderjährige ungeeignete Inhalte sollten damit nicht angezeigt werden. Die Realität sah anders aus: Bereits nach kurzer Zeit präsentierte der Algorithmus Videos mit Waffen und Drogen, darunter Schlagringe, Cannabis und Kokain.
Eine Suche zum Stichwort «Islam» führte zunächst zu Gebetsvideos, nach wenigen Scrolls jedoch zu dschihadistischen Inhalten mit Aufrufen zur Gewalt. Das Bundesamt für Polizei bestätigt gegenüber der Sendung, dass die Zahl der in der Schweiz dschihadistisch radikalisierten Minderjährigen in den letzten Jahren zugenommen hat und die Algorithmen der Plattformen diesen Prozess begünstigen.
Auf Bindung ausgelegtes Design
Die Sendung thematisiert auch die Funktionsweise der Plattform selbst. Laut der Neurowissenschaftlerin Barbara Studer von der Universität Bern ist TikTok gezielt so gestaltet, dass Nutzende möglichst lange auf der Plattform bleiben: Der Rhythmus der angezeigten Videos ist auf das Belohnungssystem im Gehirn abgestimmt, vergleichbar mit den Mechanismen von Glücksspielautomaten. Jugendliche sind dafür besonders anfällig. Studer empfiehlt technische Zeitlimiten und rät davon ab, TikTok alleine im eigenen Zimmer zu nutzen, da Unterbrechungen den Ausstieg erleichtern.
TikTok selbst äusserte sich trotz mehrerer Anfragen nicht zur Sendung. Im aktuellen Transparenzbericht gibt das Unternehmen an, zwischen Juli und September 2025 über 200 Millionen regelwidrige Videos entfernt zu haben. Die schiere Menge an Inhalten scheint die Kontrollmechanismen dennoch zu überfordern.
Wenn der Algorithmus Verletzlichkeit verstärkt
Besonders eindrücklich schildert die Sendung den Fall einer 15-jährigen Jugendlichen aus Frankreich, die wegen ihres Gewichts gemobbt wurde und auf TikTok Zuflucht suchte. Der Algorithmus erkannte ihre psychische Belastung und zeigte ihr zunehmend Inhalte, die ihre depressive Verfassung verstärkten. Die Jugendliche nahm sich das Leben. Ihre Mutter hat TikTok verklagt und fordert in Frankreich ein Verbot sozialer Medien für unter 15-Jährige.
Der Fall zeigt exemplarisch, was die Forschung beschreibt: Digitale Medien treffen psychisch belastete Jugendliche besonders hart, weil algorithmische Empfehlungssysteme bestehende Probleme verstärken können.
Politische Diskussion auch in der Schweiz
Auch in der Schweiz wird ein Verbot diskutiert: Der Nationalrat wird voraussichtlich noch dieses Jahr einen Vorstoss beraten, der ein Social-Media-Verbot für Kinder unter 14 Jahren fordert.
Die ganze Sendung ist auf srf.ch verfügbar.









